Kaddisch für einen Parteivorsitzenden

Zehn Jahre war Guido Westerwelle Bundesvorsitzender der FDP – der einzigen liberalen Partei in Deutschland. Am vergangenen Freitag – übrigens ein dreizehnter – endete die Ära-Westerwelle mit, von der Presse ausführlich erwähnten, stehenden Ovationen durch seine Parteigenossen. Eine derartige Bestätigung aus den eigenen Reihen erfuhr Westerwelle in den vergangenen Jahren nicht immer. Noch häufiger geriet er mit seinen Ansichten bei Wählern, den Oppositionsparteien und den Medien in die Kritik.

Als Westerwelle 2001 den Bundesvorsitz der Liberalen übernahm, ruhte zunächst alle Hoffnung auf ihm. Nachdem er in den Jahren zuvor das Parteiprogramm maßgeblich mit beeinflusst hatte, vertraute man darauf, dass er die Gelben aus einem Dornröschenschlaf erwecken würde. Mit der kühnen Kampfansage „Projekt 18“ zog er als Kanzlerkandidat der FDP 2002 in den Wahlkampf. Zielstrebig erarbeitete er sich mit seinen teilweise unkonventionellen Methoden – vielen dürfte noch das Guidomobil in Erinnerung sein – tatsächlich einen Kanzlertitel. Den des Spaßkanzlers. Ein Image war geboren und es sollte Guido Westerwelle bis heute nicht wirklich verlassen. Dass die FDP bei dieser Wahl ihren Stimmenanteil von 6,2 auf 7,4 Prozent verbesserte, ging damals etwas unter.

Bei den Bundestagswahlen 2009 gelang der FDP unter Westerwelle schließlich der große Coup. Mit 14,6 Prozent der Stimmen erzielten die Liberalen nicht nur ihr bis dato bestes Ergebnis bei einer solchen Wahl, sie koalierten auch mit der CDU und stellten so einen Teil der Regierung. Westerwelles Beute: der Posten des Außenministers und des Stellvertreters der Bundeskanzlerin, auch Vizekanzler genannt. Zu diesem Zeitpunkt hätte Westerwelle sein altes Image ablegen und zu neuen Ehren aufsteigen können. Doch zunächst kam es anders. Bereits einen Tag nach der Wahl parierte er die auf englisch formulierte Frage eines BBC-Reporters mit den Worten, man sei hier in Deutschland und da spreche man deutsch. Auch wenn Westerwelle mit dieser Aussage nicht ganz Unrecht hat, lassen sich mit solchen Worten kaum Freunde gewinnen. Schlimmer kam es schließlich, als er im Februar 2010 die Hartz-IV-Entscheidung des Bundesverfassungsgericht mit „spät römischer Dekadenz“ verglich. Da half es auch nicht mehr darauf hinzuweisen, dass die Aussage falsch gedeutet worden sei – noch mehr der wenigen Sympathien waren verloren.

Westerwelle drohte in die Rolle des peinlichen Onkels abzurutschen, den wohl jede Familie hat: er ist da, er gehört dazu, eigentlich ist er auch ganz nett, würde er nur nicht immer so unpassende Sachen sagen. Im Gegensatz zu Familien, kann eine Partei aber eingreifen, bevor der Ruf endgültig ruiniert ist. So kam es, dass in der FDP Anfang des Jahres eine Führungsdebatte entbrannte. Die Rücktrittsforderungen konnte der einstige Spasskanzler schließlich nicht mehr ignorieren. Westerwelle zog im April die Konsequenz und ging aus dem Machtgerangel als eindeutiger Verlierer hervor. Aber selbst hier erzielte er noch einen Achtungserfolg – das Amt des Außenminister wolle er bis zum Ende der Legislaturperiode behalten. Nun denn!

Die bange Frage, wer Guido Westerwelles (un)dankbare Erbfolge antreten wird, ist seit Freitag geklärt. Philipp Rösler tritt in die, nach FDP-Maßstäben nicht kleinen, Fussstapfen des Mannes, dessen tieffliegende Karriere gerade noch vor der totalen Bruchlandung abgebremst wurde. Zusammen mit den Jungen, nicht wirklich Wilden, Bahr und Lindner, könnte Rösler der FDP zu neuen Höhenflügen verhelfen. Ihm wird, wie seinerzeit Westerwelle, das nötige Potenzial attestiert und zusätzlich ist er auch noch ein Sympathieträger, um nicht zusagen Schwiegermuttertyp. Die Weichen für die Liberalen sind gestellt und man darf gespannt sein, ob der peinliche Onkel nicht doch noch aufersteht.

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